Samstag, 7. Februar 2015

Reise gegen das Vergessen: Ich habe den Todesengel überlebt

Die beiden vordersten Kinder sind Eva (links)
und Miriam (rechts)
Miriam Mozes durfte nur 29 Jahre alt werden, weil ein Arzt sie und ihre Zwillingsschwester Eva zu medizinischen Zwecken missbrauchte.
Miriam wäre heute wie ihre Schwester Eva Mozes Kor 81 Jahre alt, doch sie starb aufgrund der Injektionen, die ihr ein Mediziner in Auschwitz injiziert hatte. Ein Mediziner, der nie zur Rechenschaft gezogen wurde, sondern nach Amerika floh. Er war es, der entschied, wer leben durfte und wer starb. Er wartete an der Rampe, die für viele den Weg in den Tod oder einen weiteren Schritt in die  Hölle bedeutete. Mengele wollte perfekte Arier erschaffen. Wollte herausfinden, wie Zwillinge „funktionieren“. Er wollte blonde, blauäugige Babys                                                                              erschaffen können.
Der Todesengel Josef Mengele wurde nie für seine grausamen Experimente bestraft und bis heute weiß Eva nicht, was genau in den Spritzen war…

„Mama packte Miriam und mich bei der Hand. Wir stellten uns nebeneinander auf der Betonrampe auf. Mir fiel der Geruch auf: ein widerlicher Gestank, wie ich ihn nie zuvor gerochen hatte. Er erinnerte mich an verbrannte Hühnerfedern. Zu Hause auf dem Bauernhof sengten wir, wenn die Hühner fertig gerupft waren, die letzten Federchen über einer Flamme ab, um die Tiere zu säubern. Hier aber war der Gestank überwältigend. Es war, als liefe man durch ihn hindurch, in ihm umher. Er war überall und unausweichlich. Ich fand nicht gleich heraus, woher er tatsächlich rührte.
Dieser Ort war verwirrend und laut.
Menschen kreischten.
Da waren Schreie.
Durcheinander.
Verzweiflung.
Gebell.
Befehle.
Weinen, weinen, weinen. Das Weinen von Kindern nach ihren Eltern. Das Weinen von Eltern nach ihren Babys. Das Weinen verstörter, fassungsloser Menschen. Das Weinen von Menschen, die mit Gewissheit erkannten, dass ihre Alpträume Wirklichkeit geworden waren.  In all diesem Weinen, hallte der äußerste, unvorstellbarste Schmerz wider, der Schmerz aus menschlichem Verlust, Trauer und Leid.“ (Ich habe den Todesengel überlebt S.49/50)

Eva und Miriam Mozes 1935

Das war es was Eva und vermutlich auch Miriam dachte, als sie im Mai 1944 in Auschwitz ankamen. Eine einzige Tatsache rettete ihnen das Leben: Sie waren Zwillinge. Und damit brauchbar für die Forschungen des Lagerarztes Josef Mengele. Aufgrund ihrer identischen weinroten Kleider waren sie in der Menge der angekommenen Häftlinge gut zu erkennen. Wäre niemand auf die Zwillinge aufmerksam geworden, wären die 10-jährigen Mädchen wohl gleich ins Gas geschickt worden.

„ „Sind das Zwillinge?“, fragte er Mama.
Sie zögerte. „Ist das gut?“
„Ja“, sagte der Wachmann.
„Sie sind Zwillinge“, antwortete Mama.
Ohne ein Wort packte er Miriam und mich und riss uns fort von Mama.
„Nein!“
„Mama! Mama! Nein!“
Miriam und ich schrien und weinten, reckten die Hände nach unserer Mutter, die ebenfalls mit ausgestreckten Armen darum kämpfte uns zu folgen, aber von einem Wachmann festgehalten wurde. Er schleuderte sie roh zur anderen Seite der Rampe.
[…]
Wir wussten nur, dass wir urplötzlich allein waren. Wir waren erst zehn Jahre alt.
Und wir sahen Papa, Mama, Edit und Aliz nie wieder.“ (Ich habe den Todesengel überlebt S.12/13)

Eva und Miriam mit 15 Jahren (1949)

Die Befreiung am 27.Januar 1945 verbanden die Zwillinge mit den Worten „Wir können tun, was wir wollen. Alles, was wir wollen. Wir sind frei.“
Erst lebten die Mädchen bei ihrer Tante, die als einzige Verwandte die Konzentrationslager überlebte und zogen später zu ihrem Onkel Aaron nach Israel.  




Im Buch „Ich habe den Todesengel überlebt“ erzählt Eva Mozes Kor nicht nur ihre eigene sondern auch Miriams Geschichte. Sie berichtet von dem Grauen, das ihnen durch die Behandlungen von Mengele wiederfahren ist.
Trotz all dem Leid und der Tatsache, dass außer einer Tante und ihrer Schwester Miriam niemand von der Familie überlebt hat, vergab Eva Mozes Kor am 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz persönlich allen Nationalsozialisten ihre Taten.
Sie gründete die Children of Auschwitz-Nazi’s Deadly Lab Experiments Survivors (C.A.N.D.L.E.S.) und machte bisher 122 Überlebende der Zwillingsexperimente ausfindig. Bis heute kämpft sie darum, die medizinischen Hintergründe und Folgen der Versuche zu ergründen, damit die Opfer hinreichend behandelt werden können.


Heute veranstaltet Eva häufig Führungen und Vorlesungen, um über die Geschehnisse aufzuklären und Mut zu machen. 

„Im Moment des Vergebens verliert dein Peiniger die Macht über dich…“
Eva Mozes Kor





Auch einige meiner Partnerblogs haben sich mit Evas Geschichte befasst... 
Astrolibrium hat sie sogar persönlich getroffen: 

>> zu Ronjas grüner Bücherblog <<

>> zu Astrolibrium <<

Kommentare:

  1. Ich habe Eva vor wenigen Tagen kennengelernt und sie strahlt so viel Kraft aus. Ihr Weg ist einzigartig und ihre Botschaft ist so tragfähig. Sie hat sich nicht zum Opfer machen lassen... sie hat dagegen angekämpft. Beeindruckend. Dein Artikel wird ihrem Buch gerecht...

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    1. Eva ist einfach eine beeindruckende Frau, das merkt man ja immer wieder, wenn man mit Menschen spricht, die sie kennen lernen durften oder ihr Buch gelesen haben... Ich ziehe meinen Hut vor Menschen wie ihr...

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  2. Deine Rezension hat mich gleich mitgenommen. Wenn ich nur daran denke, empfinde ich Traurigkeit. Es muss sowas von schrecklich gewesen sein.

    Liebe Grüße,
    Vanessa

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    1. Man kann sich das überhaupt nicht vorstellen... Es bleibt auch lange nach dem Lesen eine große Traurigkeit...

      Liebe Grüße

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