Freitag, 10. April 2015

"Liebste Schwester, wir müssen hier sterben oder siegen." - Briefe deutscher Wehrmachtssoldaten 1939-45

Reise gegen das Vergessen

Autor: Marie Moutier
Preis: 22,99 €
Seitenanzahl: 384
Verlag: Blessing
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„Für den Verbrecher ist das Verbrechen ein Element der Geschichte und nicht die Hauptsache. Für das Opfer ist das Verbrechen die Geschichte selbst.“ 
-Seite 6


Marie Moutier präsentiert uns hier eine Sammlung persönlicher Zeitdokumente, die beklemmende Eindrücke in das Innere der deutschen Wehrmachtssoldaten eröffnen.
Chronologisch und nach Ländern geordnet, vermischen sich in der Feldpost private und politische Dinge.
Dem Leser offenbart sich hier eine ganz neue Sichtweise auf die Geschehnisse direkt an der Front.

Das Buch ist schwer zu beschreiben.
„Absicht dieses Buches ist es, mit der Idee einer deutschen Kriegsmaschinerie aufzuräumen und stattdessen die Gemütsverfassungen, die Überzeugungen, die Leiden und die Freuden der Wehrmachtssoldaten kennenzulernen.“ (S.12)
Aus den Briefen kann man wirklich viel herauslesen, allerdings muss man oft wirklich sehr zwischen den Zeilen lesen, da die Briefe der Zensur unterlagen. Es durften keinerlei militärische Informationen weitergegeben werden, später wurde dann alles zensiert, was nicht der Nazi-Ideologie entsprach.
Diese Zensur wirkte stark abschreckend, deshalb unterwarfen sich die Soldaten einer Art Selbstzensur.
Diese starke Einschränkung macht die Briefe aber gerade interessant! „Wenn man seiner Familie keine Details über die Militäroperationen mitteilen darf, was schreibt man ihr dann?“ (S.15)
Diese Briefe zeigen uns die Gefühlswelt der Wehrmachtssoldaten und wie sie als Menschen gehandelt haben.
Jeder Krieg wird von Menschen gegen Menschen geführt. Um dieses Buch im Ganzen zu verstehen, muss man die Kriegsmaschinerie ausblenden.
Krieg ist nun mal nichts, was am Schreibtisch abgewickelt wird. Er wurde, wird und wird immer von Menschen geführt werden. Und diese Menschen hinter dem Krieg, die kann man in dieser Sammlung an Briefen kennen lernen.
Dabei stößt man nicht nur auf leichten Widerstand, sondern auch auf starke Indoktrination, auf Sorge, versteckte Angst und auf vollständige Führertreue. Und immer wieder auf den ideologischen Rassenbegriff der NSDAP. Mehr als einmal trifft man auf die mehr als unmenschliche Behandlungsweise den Juden gegenüber. Aber auch die Russen, Engländer und Polen spielen eine große Rolle.

„Heute waren wir in der Stadt; da könnt ihr was sehen; wo unsere Stukaflieger reingefunkt haben, da liegen ganze Straßen in Schutt und Asche, denn die faulen Polen räumen nichts wieder auf; die Juden haben sie alle zusammen gedrängt; es ist mit Stacheldraht umzogen […]“ 
-(S.144, Kurt S. am 04.09.1941)

Die Briefe sind ergänzt durch Kurzbiographien der Soldaten. Diese helfen dem Leser, den Menschen hinter dem strengen Marschschritt zu erkennen.
Damit auch tatsächlich jeder Brief in vollem Umfang verstanden wird, sind die Texte immer wieder durch Fußnoten ergänzt. Das erschwert das Lesen an sich zwar, hilft dem Verständnis aber sehr.

Für Geschichtsinteressierte ist diese Sammlung ein tolles Werk, wenn auch teilweise recht anstrengend beim Lesen. Wenn man aber einmal drin ist, dann liest es sich auch einfach so weg.
Und am Ende stecken viele kleine Post-It-Zettel zwischen den Seiten!


Kommentare:

  1. Ein wertvoller Artikel, Ronja...

    Ich halte mir immer wieder vor Augen, welche Rolle diese Briefe spielten und man darf doch nie vergessen, dass sie immer wieder Opfer von Zensur wurden, oder gar nicht zugestellt wurden, wenn sie zu kritisch waren. Und viele Soldaten haben Beruhigendes geschrieben, um die Heimat nicht aufzuregen... Manchmal sind Tagebücher und Briefe zusammen sehr widersprüchlich

    Viele Familien haben ihre geheimen Codes entwickelt um sich trotzdem unterhalten zu können. Ein interessantes Feld...

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  2. Ich lese gerne Zeitzeugenberichte, danke für den Lesetipp!

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