Samstag, 25. April 2015

Reise gegen das Vergessen: Sonnenschein

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Kennt ihr nicht auch dieses ganz besondere Gefühl, wenn man dringend auf etwas wartet?
Meist ist es schon eine Qual nur ein paar Stunden warten zu müssen!
Und jetzt stellt euch vor, ihr wartet für mehrere Jahre. Aber ihr wartet nicht auf irgendetwas, ihr wartet auf einen geliebten Menschen, der spurlos verschwand.


Zweiundsechzig Jahre lang hat sie auf ihn gewartet.
Er wird kommen.
(S. 5)




Haya Tedeschi wartet seit 62 Jahren in Gorizia auf die Rückkehr ihres Sohnes. Nur wenige Monate war der kleine Junge alt, als er spurlos aus dem Kinderwagen verschwand.
Der Grund: Haya ist Jüdin und hatte während des 2.Weltkriegs ein Verhältnis mit einem deutschen, einem arischen, Wehrmachtssoldaten. Dies blieb nicht ohne Folgen...
Jetzt im Jahre 2006 sitzt Haya in ihrem Schaukelstuhl am Fenster und lässt die Vergangenheit Revue passieren. Von den Geschehnissen des ersten Weltkrieges, über den zweiten Weltkrieg, bis hin zu den noch heute spürbaren Folgen des Nationalsozialismus.

Auch wenn Hayas Geschichte und die ihres Sohnes nicht geschehen ist, wäre es durchaus möglich...
Die Aktionen und Taten der Nationalsozialisten machten vor nichts und niemandem Halt. Im Rahmen des Lebensbornplans war es durchaus üblich, dass Kinder einfach so ihren richtigen Familien entrissen und falls notwendig umerzogen wurden, damit sie dann, in arischen Verhältnissen untergebracht, zu aufrechten Nationalsozialisten werden sollten. Heute gibt es viele dieser Kinder, die entweder nichts von ihrer wahren Herkunft wissen oder sich mit dem Wissen herumschlagen, dass ihr Vater ein Verbrecher ist oder war.

In diesem Buch hat sich Haya, immer auf der Suche nach ihrem Sohn, durch das Ausmaß des gesamten Holocaust in Italien gekämpft. Eine Spur auf den Verbleib ihres Sohnes hat sie dabei leider nicht gefunden, dafür fielen ihr aber Listen der Opfer in die Hände. Auch Zeugenaussagen und Täterporträts hat sie studiert, nur um immer wieder am selben Punkt stehen zu bleiben...

Sie recherchiert sich durch die Gräueltaten der Aktion T4. Insgesamt wurden hierbei mehr als 70.000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen in den Jahren 1940 und 1941 systematisch ermordet.
In Treblinka kommt sie in Berührung mit wirklichen Monstern, allen voran Kurt Franz... Der Mann, in den Haya sich damals verliebte... Von dem sie einen Sohn hat... hatte...

Wie alt sind sie?
                            Ich bin gestorben.
Erkennen sie die Person auf diesem Bild?
                            Ich würde selbst im Grabe erschaudern, wenn jemand den Namen Kurt Franz     
                            erwähnt.

All diese Stationen und noch mehr bereisen wir zusammen mit Haya. Doch mitten drin stockt uns dann der Atem... Haya zieht eine Liste aus dem kleinen roten Korb zu ihren Füßen. Es folgt eine Seite mit nur einem Satz:

hinter jedem Namen verbirgt sich eine Geschichte

Auf den nachfolgenden 70 Seiten sind die Namen der ca. 9.000 deportierten und vielfach auch ermordeten italienischen Juden aufgeführt. Die sich bei diesem Anblick aufbauenden Gefühle sind nicht zu beschreiben...


Haya erzählt von dem Roten Kreuz, das ihr helfen sollte bei der Suche nach ihrem Sohn, doch bisher ist nichts geschehen...
Und gerade als man registriert, wie wenig Seiten noch verbleiben, tritt ein Mann in diese Geschichte. Ein Mann namens Hans Traube, der vor kurzem erst erfahren hat, dass sein ganzes Leben nicht sein Leben ist. Und dieser Mann befindet sich nun im Zug nach Gorizia auf der Suche nach seinen Wurzeln...
Und Haya wartet...


Nehmt dieses Buch auf keinen Fall auf die leichte Schulter. Es wird euch einiges abfordern. Ich habe geweint, geschrien und mir ist auch das ein oder andere Mal schlecht geworden. Ihr müsst euch auch durch eine Menge Text wühlen, der nicht immer sofort zu verstehen ist. Und wenn euch die Bedeutung klar geworden ist, werdet ihr das Buch vermutlich erst einmal zu klappen müssen...
Dasa Drndics Werk ist nichts, das man einfach so nebenbei lesen kann.

Unterschätzt es bitte nicht, aber es lohnt sich sehr.




Autor: Dasa Drndic
Preis: 24,00 €
Seitenanzahl: 400
Verlag: Hoffmann und Campe
Leseprobe: >> gibt es hier <<

Es gab einen ganz bestimmten Grund, warum dieses Buch den Weg zu mir fand. Es fand seinen Weg aus der kleinen literarischen Sternenwarte AstroLibrium:
Sonnenschein von Daša Drndić [Gegen das Vergessen]
Arndt bat mich den Namen Jenni Dienstfertig zu recherchieren, was bereits geschehen ist (Zu finden auf der Projektseite). Doch es wird nicht bei Jenni bleiben...

Kommentare:

  1. Vielen Dank für die schöne Rezension. Das Buch war mir bislang nicht bekannt, klingt aber wahnsinnig interessant.

    Ich werde mir auf jeden Fall die Leseprobe ansehen.

    Alles Liebe.
    Kerstin

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    1. Dann viel Kraft beim Lesen. Das Buch ist wirklich nicht ohne... Aber ich kann es nur wiederholen unglaublich interessant! :)

      Liebe Grüße aus der Stöberecke

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  2. Oh Gott, das klingt schrecklich! Aber auch nach "sollte ich lesen".
    Ich finde es interessant, dass du daraus ein Projekt machst. Ich bin gespannt, was du auf die Beine stellst.

    Liebe Grüße
    Sabrina

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    1. Es ist schrecklich... Deshalb musste ich das Buch auch öfter unterbrechen... Normalerweise lese ich ein Buch einfach so runter, aber "Sonnenschein" fordert seinem Leser wirklich so einiges ab.
      Der erste Name ist ja bereits recherchiert und der zweite kommt nach meiner letzten schriftlichen Abiturklausur am Dienstag. Ich hoffe, dass er Mittwoch schon online gehen kann.

      Liebe Grüße aus der Stöberecke

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