Samstag, 16. Mai 2015

Kindheit in Trümmern

Reise gegen das Vergessen


Autor: Barbara Warning
Seitenanzahl: 192
Preis: 19,99 €
Verlag: Ravensburger
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„Kindheit in Trümmern“ ist ein beeindruckendes Sachbuch des Ravensburger Verlags.
Für Beteiligte ist es oft nicht leicht über ihre Erlebnisse rund um den zweiten Weltkrieg zu sprechen. Zu viele Gefühle brechen sich dabei Bahn. Im Rahmen der Erstellung dieses Buches haben dennoch 21 Zeitzeugen über ihre Kindheit gesprochen.

Auf den ersten Seiten bekommt man einen schnellen, aber ausführlichen Überblick der Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg. Von den Reichstagswahlen 1932 bis zur Wiedervereinigung 1990 ist jedes wichtige Datum aufgeführt. Dadurch fällt es dem Leser später leichter, sich im Wirrwarr der ganzen Geschehnisse zu Recht zu finden.

Die Geschichten der 21 Zeitzeugen sind in 7 Kapitel unterteilt:
- Flucht und Vertreibung aus der Heimat
- Verlorene Kinder
- Leben in den Besatzungszonen
- Überlebende im DP-Camp
- Alltag in Schutt und Asche
- Warten auf den Vater
- Lernen in Ruinen

Für Kinder ist vieles damals nicht verständlich gewesen. Zum Beispiel warum sie fliehen mussten, oder warum der Vater erst so spät wieder kam – wenn er denn überhaupt wieder kam…

Was soll man tun, wenn man seiner Heimat entrissen wird, weil diese plötzlich nicht mehr zum eigenen Land gehört, aber niemand einen in den neuen Gebieten haben will?
Nicht wenige starben auf den harten Fluchten aus ihrer Heimat. Einige wurden umgesiedelt, denen blieb dann nur die Sehnsucht nach der alten Heimat. Doch viele flohen schon früher vor der näher rückenden Front. Diesen blieb nur die Flucht über die Ostsee, die nicht selten tödlich endete…

Nicht wenige Kinder gingen gerade in dem letzten Kriegsjahr verloren. Ihre Eltern waren verstorben oder in den Kriegswirren abhandengekommen.
So entstanden die sogenannten Wolfskinder. Sie hausten in den Ruinen und suchten sich ihr Essen zusammen. Viele von ihnen starben…

Das Leben in den besetzten Zonen war nicht einfach. Plünderungen, Vergewaltigungen und Hunger standen auf der Tagesordnung.

Besser ging es den Menschen in den Displaced Persons (DP) Lagern. Für die vielen Opfer der Konzentrationslager waren diese DP-Camps wie der Himmel auf Erden. Es gab genug zu essen, Wärme und Kleidung. Nicht wenige entschieden sich in diesen Camps dafür, Deutschland für immer zu verlassen.

Für die Deutschen begann schon bald der Wiederaufbau… Viele Städte lagen in Schutt und Asche. Behelfswohnungen mussten her, diese waren meist Kalt und sehr beengt.
Auch die Schulen sahen nicht besser aus. Zudem durften viele Lehrer aufgrund ihres Hintergrundes zunächst nicht mehr unterrichten.

Für viele Familien endete der zweite Weltkrieg nicht mit der Kapitulation. Viele wurden auch später noch verletzt und misshandelt.
Hinzukam die bleibende Angst um Brüder, Väter und Männer in der Gefangenschaft. Viele galten aus Vermisst und die Hoffnung blieb noch Jahre lang, dass diese Männer zurückkehren würden. Die wenigsten taten es… Viele mussten für tot erklärt werden… Bis heute weiß man bei einigen nicht, was mit ihnen tatsächlich geschah.

All diese selten berichteten Seiten beleuchtet „Kindheit in Trümmern“. Unterstützt werden die Geschichten der Zeitzeugen durch Fotos, alte Dokumente und verschiedene Randnotizen und Exkurse.
Durch diese Exkurse und Notizen wird das Gedächtnis des Lesers wieder aufgefrischt. Und manche Dinge mit mehr Daten gefüttert.
Für interessierte Leser, die sich bereits im Vorfeld mit diesem Thema auseinandergesetzt haben, wird dieses Buch eine tolle Ergänzung zum eignen Wissen darstellen.
Für Leser, die bisher nichts oder kaum etwas über den zweiten Weltkrieg wissen, wird es schwer zu verstehen sein.
Generell könnte es eine gute Erfahrung sein, wenn diese unerfahrenen Leser, dieses Buch mit ihren Großeltern lesen, die zu dieser Zeit selbst Kinder waren.
Ich weiß von meinem Großvater, dass er selbst aus Ostpreußen fliehen musste. Beinahe wäre er mit der Gustloff gefahren und vermutlich ertrunken… Zum Glück bestand sein Vater darauf den Zug zu nehmen. Viele Verwandte und Freunde starben auf diesem Schiff…

Es ist ein wundervoll recherchiertes Sachbuch, das keine Wertung der Erfahrungen vornimmt. So ist es jedem Leser selbst überlassen, was er als schlimm empfindet und was nicht so sehr. Die Reflektion wird dadurch stark gefördert.

Ich persönlich bin beeindruckt von dem Umfang des Sachbuches, da man ja dennoch nicht vergessen sollte, dass es für Jugendliche geschrieben wurde. Selten hatte ich für Jugendliche ein Buch in der Hand, das in so einem Umfang über die Geschehnisse nach dem zweiten Weltkrieg sprach…
Trotzdem gibt es auch Exkurse zum KZ Bergen-Belsen und zum KZ Neuengamme. Im Rahmen von Bergen-Belsen kommt auch Anne Frank kurz zur Sprache.
Zwischen durch wird auch angesprochen, wie mit ehemaligen Naziführern umgegangen wurde.

Aber lassen wir die Kinder von damals doch jetzt selbst zu Wort kommen:

„Ich habe auf der Flucht als Kind von zehn Jahren noch nicht viel verstanden von dem, was um mich  herum geschah. Aber dass gerade etwas ganz Schlimmes passierte, das habe ich damals sehr wohl begriffen.“
- Ilse Tamm (Flucht über die Ostsee aus Ostpreußen)

„Ich war so jung. Für mich war die Fahrt ein Abenteuer. Mit 15 Jahren denkt man doch nicht über Gefahren nach. Ich hatte deshalb auch keine Angst um mich. Angst hatte ich nur um meinen Vater und um meinen geliebten Bruder.“ 
- Therese Braband (Floh alleine nach Westen)

„Es kommt doch auf den einzelnen Menschen an. Wer verallgemeinert, tut dem Einzelnen unrecht.“
- Karl Heinz Ritschel (Vertrieben aus Böhmen)

„Als Kind nimmt man alles als gegeben hin, fragt nicht nach. Auch über die Vertreibung und Ermordung der europäischen Juden wurde nicht geredet.“
- Eleonore von Rotenhan (Flucht aus Schlesien)

„Aber der Verlust der Heimat ist eine Katastrophe. Menschen zu vertreiben ist eine grausige Sache, das Schlimmste, was man ihnen antun kann.“
- Peter Onderka (Flucht in den Westen)

„Ich hatte in der ersten Zeit immer wieder Todesangst. Aber irgendwann ist man todesbereit und denkt bei einer neuen Gefahr nur noch: Gut, jetzt ist es eben so weit. Jetzt muss ich sterben.“
- Ursula Heller (Als Wolfskind in Polen)

„Zum Geburtstag bekam ich immer vom Spalierobst am Haus meiner Großeltern eine Birne nur für mich. Das war der Inbegriff von Luxus. Ich kann seitdem kein Essen wegwerfen, vor allem kein Brot.“
- Klaus Roitsch (Waise in Dresden)

„Ich habe mich damals in die Situation gefügt. Was blieb mir anderes übrig? Ich war doch noch so klein.“
- Katharina Wahl (Im serbischen Waisenhaus)

„Meine Mutter hat mir nach dem Krieg aus einer Decke einen Mantel genäht. Da war ich doch wer! Wer hatte denn einen neuen Mantel, auch wenn er bloß aus einer Decke war?“
- Renate Engel (Leben in Ostberlin)

„Über die Juden wurde getuschelt, das seien keine richtigen Menschen, mit denen dürfe man sich nicht einlassen. Wie konnten die Deutschen damals ideologisch so verblendet sein? Das kann ich nicht verstehen!“
- Harald Sunkel (Annäherung an den „Feind“)

„Man muss sich informieren über das, was geschehen ist. Nur wenn man das weiß, kann ein solches Verbrechen in Zukunft verhindert werden.“
- Dorothea Kritzer (Unter britischer Besatzung)

„Wie konnte eine Kulturnation wie die deutsche mit ihren berühmten Musikern und Philosophen einen solchen Massenmord begehen? Die Deutschen sind Hitler nachgelaufen. Alles, was er gesagt hat, haben sie gemacht. Das kann man nicht verstehen.“
- Teresa Stiland (Geburt als Matla Rozenberg, KZ Auschwitz, KZ Neuengamme, KZ Bergen-Belsen)

„Es ist das Vermächtnis der im KZ Ermordeten, dass wir Überlebende Zeugnis ablegen von dem, was geschehen ist. Wir müssen wachsam sein, damit so etwas nie wieder passiert.“
- Janusz Kahl (Mit 17 im Konzentrationslager)

„Als ich meinen Vater gefragt habe, warum sechs Millionen Juden ermordet wurden, hat er gesagt: Du sollst nicht glauben, dass wir etwas falsch gemacht haben. Wir haben nur einen anderen Glauben. Vergiss nie, dass du Jüdin bist.“
Shoshana Lasowski (Geboren als Rosa Fischer)

„Ich habe mir als Kind geschworen: Elfriede, nie wieder! Nie wieder wirst du hungern! Nie wieder frieren! Nie wieder ohne eigene Wohnung sein!“
- Elfriede Wippel (Zu Hause in der Nissenhütte)

„Auch in größter Armut und bei schlimmsten Entbehrungen darf man sich nicht gehen lassen. Das hat mit Würde zu tun. Zumindest für sich selber muss man wer sein.“
- Gina Ritschel (Kindheit als Staatenlose)

„Ich habe ihn vermisst, aber nicht, weil ich Hilfe von ihm gebraucht hätte, sondern weil er nicht da war. Natürlich rückt ein Mensch, den man nicht täglich sieht, etwas in den Hintergrund. Aber mein Vater blieb mir immer nah und das nicht als ferne Sagengestalt, sondern sehr lebendig. Er war ja zum Glück nicht tot, wir wussten, dass er irgendwo in Russland lebte.“ 
- Klaus Buschenhagen (Elf Jahre ohne Vater)

„Diese Männer hatten entsetzliche Gewalt erfahren, die viele in der Familie weitergaben, denn anstatt die seelischen Verletzungen aufzuarbeiten, wurde geschwiegen. Neuanfang und Wiederaufbau waren wichtig. Die Vergangenheit störte dabei nur.“
- Margret Uhle (Nicht jeder Mann kam als liebevoller Vater zurück)

„Mit meinem jüngeren Bruder habe ich damals oft Vater, Mutter, Kind gespielt. Ich war die Mutter und er war der Sohn. Der Vater fehlte. Er war immer verreist. So spiegelte sich unsere Lebenswirklichkeit in unseren Spielen.“
- Brigitte Treumann (Sehnsucht nach dem Vater)

„Die Lehrer waren an der Front und wurden durch Aushilfen ersetzt, es gab keine Hefte, keine Schulbücher, die Schule war immer wieder über Monate unterbrochen. Viel lernen konnte man unter den Umständen nicht. Im Grunde ist es ein Wunder, dass meine Generation, die in dieser wahnsinnigen Zeit zur Schule ging, überhaupt Lesen und Schreiben gelernt hat.“ 
- Renate Pfeiffer (Chaotische Schuljahre)

„Wir wurden an die Front geschickt, dabei waren wir völlig unerfahren und noch halbe Kinder. Das war eine sehr bittere Erfahrung. Ein Menschenleben war nichts mehr wert. Sie haben uns einfach verheizt.“
- F.C. Gundlach (Statt Schule an die Front)

1 Kommentar:

  1. "Es ist ein wundervoll recherchiertes Sachbuch, das keine Wertung der Erfahrungen vornimmt."

    Diese Zeile von Dir sollte auf den Klappentext mit Quellenangabe zu deinem Blog! Punkt. Nicht nur, wie du dieses Buch rezensierst, auch welche Zitate du einbringst... sehr sehr guter Buchjournalismus.

    Selbst wenn jemand das Buch nicht lesen sollte... hier setzen sich Botschaften aus dem Sachbuch fest, die unverzichtbar sind.

    Herzliche Grüße

    Arndt

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