Sonntag, 31. Juli 2016

Klassiker Weltreise - Station 4: Frankfurt am Main

Faust Der Tragödie erster Teil



Von Johann Wolfgang von Goethe

Klappentext: „Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor…!“




















Das Theaterstück „Faust – der Tragödie erster Teil“ von Johann
Wolfgang von Goethe wurde 1808 erstveröffentlicht und spielt im 15.
Jahrhundert, also am Übergang des Mittelalters zur Neuzeit. Er hat von
seinem 21. bis 57. Lebensjahr an diesem Stück gearbeitet und es immer
wieder ergänzt und neu herausgebracht.




















Man hat viel gehört über Faust, doch welche Geschichte steckt dahinter? 
Und würde sie sich in der heutigen Zeit vielleicht so
anhören?


Faust

Mephisto amüsierte sich köstlich auf dieser Walpurgisnacht am Brocken. In
seinem roten Shirt und der teuflisch tiefsitzenden Jeans war er nicht zu
übersehen. Er tanzte wild und leidenschaftlich mitten in der Menge. Zum
Tanz in den Mai waren alle möglichen Leute in den wildesten Verkleidungen
gekommen. Ich kannte ihn als Lebemann und Weiberheld, aber so hatte ich
ihn bisher noch nicht erlebt. Ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann so
ein Fest erleben würde. Magie lag in der Luft und ich konnte mir gut
vorstellen, wie hier so mancher dem Zauber der Nacht erlag. Mir wurde es
allerdings langsam zu viel und die unbekannte Schöne, mit der ich tanzte,
hatte leider Mundgeruch. Aus den Augenwinkeln sah ich eine blasse Gestalt,
sie sah aus wie Margarete, die Frau meines Lebens, aber ihre Augen waren
leblos, wie bei einer Toten, sie schlurfte vor sich hin und wirkte völlig
depressiv. Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Was machte sie denn
hier am Brocken? Hatte sie mich etwa mit der Schönen tanzen sehen?
Mephisto schlug mir auf die Schulter: „Hey, Faust, was starrst du trübsinnig
vor dich hin, gefällt dir der Hexentanz nicht?“ Er hatte einen kräftigen
Schlag, an den würde ich mich nie gewöhnen. Meistens nervte er mich mit
seiner jovialen Art und der Pakt, den wir geschlossen hatten, machte aus
jeder Diskussion einen Kampf. Mephisto, oder „der Baron“ wie er sich
großspurig nennen ließ, hatte mit mir gewettet, dass ich mich hinreißen
lassen würde „So kann es für immer bleiben…“, zu sagen und damit hätte
er gewonnen. Bis dahin musste er mir jeden Wunsch erfüllen. Ich würde
nicht verlieren, so dass sich der Spieß umdrehte. Nein, ich nicht! Ich war
Faust, Stillstand konnte mich nicht locken, denn Stillstand war der Tod. Ich
wollte wissen, was steckt dahinter, wie geht es weiter, was wird daraus?
Ich wollte wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Da würde ich
doch nicht für immer irgendwo bleiben wollen. Nie hätte ich gedacht, dass
eine Frau mich dazu bringen würde, mich danach zu sehnen.


Mephisto
„Hey Mann, mach dich mal locker, du bist hier auf der größten Party seit
Jahren und wir sind hier, um Spaß zu haben. War das nicht dein Wunsch?
Wo ist denn deine Tanzpartnerin hin?“ Faust verzog das Gesicht. „Die hatte
irgendwie Mundgeruch.“ „Okay Aussehen ist nicht immer alles, das kann ich
verstehen. Andere Mütter haben auch schöne Töchter, also was stehst du
hier noch herum?“ „Ich habe Margarete gesehen?“ „Dein Betthäschen? DIE
würde niemals auf den Brocken zum Tanzen gehen.“ Faust presste seine
Finger an den Nasenrücken und kniff die Augen zu: „Wenn ich es dir doch
sage. Da drüben war sie, blass und irgendwie niedergeschlagen.“ „Das muss
eine Illusion gewesen sein. Glaube mir, mein Freund.“ Das schrie nach
schlechtem Gewissen. Innerlich machte ich gerade einen Freudentanz. Ich
wusste, dass sein Gretchen der Schlüssel zu meinem Wettgewinn war. Fast
hätte ich ihn schon so weit gehabt, aber der Kerl war ein Wissenschaftler
durch und durch, nie zufrieden, nie befriedigt, immer auf der Suche nach
der Perfektion, nach Selbstverwirklichung. Er würde dafür über Leichen
gehen. Das mochte ich an ihm. Mir war klar, er brauchte noch ein Weilchen
und dann wäre er reif. Bisher hatte ich noch nie eine Wette verloren und
hatte es auch nicht vor… Jetzt, wo er durchs Botox jünger aussah als er
wirklich war, hatte er endlich die Chance gehabt, mal bei einer Frau zu
landen und was macht der Kerl? Statt sie zu vernaschen und
weiterzuziehen, verliebt er sich! Ausgerechnet in ein erzkatholisches
Kirchenmäuschen. Er, der jedem seinen Glauben lassen will und selber an
Magie und die Kräfte der Natur glaubt. Vergeblich hat sie versucht, ihn zu
bekehren und wurde selbst bekehrt. Zumindest war sie nach dem Treffen
mit ihm nicht mehr halb so religiös. Was die Hormone so mit einem
veranstalten! Das Schlafmittel, das er seiner Margarete angedreht hatte,
damit sie es der Mutter in den Kräutertee zur Guten Nacht mixen konnte,
war stärker gewesen, als gedacht. Die beiden hatten eine tolle Nacht.
Zumindest munkelt man so. Ich war nicht dabei! Hatte selber anderweitig
genug zu tun… Dass die Nacht so ein Drama nach sich ziehen würde, hätte
keiner geahnt, machte die Sache aber noch spannender für mich. Ich liebe
Tragödien!


Obwohl das Theaterstück schon über 200 Jahre alt ist, hat Goethe
doch Themen aufgegriffen, die heute noch brandaktuell sind und
uns beschäftigen.

Als Schullektüre in den 90ern war es ein Muss für die klassische Ausbildung
im Gymnasium und so mancher hat sich durch das Stück gequält. Es ist in
Versform geschrieben, gewiss nicht jedermanns Sache, lässt sich
aber erstaunlich gut lesen und wird auch beim zweiten und dritten
Mal nicht langweilig. Ich war damals schon fasziniert von diesem Buch
und konnte die Dialoge stellenweise auswendig. Das war der Grund,
weshalb ich genau dieses Buch für die Klassiker Weltreise ausgewählt habe
und nicht etwas anderes von Goethe. Auch wenn man im Faust schon ein
bisschen braucht, um in den Sprachfluss des 19. Jahrhunderts
einzutauchen, hat man hier ein Theaterstück, das Themen aufgreift, die
heute noch aktuell sind, wenn man sieht, wie amoralisch sich manche
Wissenschaftler verhalten und wie oft Menschen Versuchungen und dem
Luxus erliegen.

Wer sich gerne mit dem Dichter Johann Wolfgang von Goethe befassen,
aber nicht gleich die gesammelten Werke in der Hamburger
Ausführung von dtv kaufen möchte, Band 3 ist das Buch, in dem Faust I
zu finden ist. (Hamburger Reihe dtv 14 TB für ca. 50 €). Das günstigste
Buch ist von Reclam, hat 136 Seiten und kostet in der Ausgabe von 2016
2,20 €.













Rafik Schami hat 1999 im Carl Hanser Verlag den Roman „Der geheime
Bericht über den Dichter Goethe“ veröffentlicht, ein Buch das in
angenehmer Weise seine Werke und den Dichter selber in einer
märchenhaften Umgebung mit Anklängen an 1001 Nacht vorstellt. Es ist
nicht nur die Lebensgeschichte und Teile seiner Werke, die in diesem Roman
erzählt werden, nein, es ist auch die Geschichte einer Freundschaft
zwischen einem Sultanssohn und dem Sohn einer deutschen Fürstin, die in
dem Sultanat nach einem Schiffbruch Asyl finden. Als Taschenbuch von
dtv für 8,95 € erhältlich.




















Es gibt mehrere DVDs zu dieser Tragödie, die ich mir allerdings nicht alle
angesehen habe. Die Version mit Will Quadflieg als Faust und Gustav
Gründgens als Mephisto ist eine verfilmte Theaterinszenierung vom
Hamburger Schauspielhaus und gilt als „der Klassiker“ unter den
Verfilmungen. In „Echt“ wirkt es aber auf der Bühne natürlich viel
beeindruckender…







https://www.facebook.com/Ellen.Sommer.Autorin/

Kommentare:

  1. Huhu!

    Auch ich habe das Buch in den 90ern als Schullektüre gelesen! "Faust I" fand ich damals auch richtig gut, aber bei "Faust II" habe ich mich dann gefragt, was Goethe beim Schreiben eigentlich geraucht hat... Blaue Blume und so.

    Auch wieder ein sehr schöner Beitrag, interessant geschrieben.

    LG,
    Mikka

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    1. Ich liebe Faust I! Aber bei II wusste ich auch nicht so recht, was ich damit anfangen soll...

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