Montag, 1. Januar 2018

„Ich war Hitlers Trauzeuge“

Rezension Gegen das Vergessen 


Autor: Peter Keglevic
Preis: 26,00 €
Seitenanzahl: 576 
Verlag: Knaus
Leseprobe: >> gibt es hier <<

Inhalt: 
Ostersonntag 1945. In Berchtesgaden wird zum 13. Mal "Wir laufen für den Führer" gestartet: eintausend Kilometer in 20 Etappen durch das Tausendjährige Reich. Der Sieger darf Adolf Hitler am 20. April persönlich zum Geburtstag gratulieren. Dank Leni Riefenstahl, die den großen Durchhaltefilm drehen soll, gerät der untergetauchte Harry Freudenthal in den Pulk der Läufer und entrinnt damit seinen Häschern. Der irrwitzige Lauf nach Berlin führt Harry schließlich bis in den Führerbunker, wo er Geschichte schreibt.‎

Meine Meinung: 
Der Titel alleine reichte schon, um mich mehr als neugierig zu machen. Schließlich gibt es keinen historischen Beleg für diese Aussage. Und niemand der letzten Zeugen, die zu Zeit der Verbindung zwischen Adolf Hitler und Eva Braun im Führerbunker weilten, stellte diese Behauptung auf.
Also war mir schnell klar, hier eine Satire vor mir haben zu müssen.

Satiren zu schreiben ist keineswegs leicht. Und schon gar nicht bei diesem heiklen Thema. Ich war gespannt, ob Peter Keglevic es hinbekommen würde, hier einen Text, eine Erzählung zu erschaffen, die zwischen den Zeilen eine Kritik gegen Rassenhass, Verblendung und blinden Gehorsam darstellen würde.
Nun nach dem Lesen muss ich zugeben, dass ich sofort meinen Hut vor dem Autor ziehen muss! Er hat meine Erwartungen… Nein, meine Hoffnungen in das Buch mehr als erfüllt!

Keglevic konstruiert hier eine Geschichte so absurd und zugleich doch denkbar real. Er entwirft Geschehnisse, die durch die Historie durchaus denkbar wären! Der Lauf an sich zum Beispiel: Warum sollte es diesen Lauf für den Führer nicht geben? Dieser Lauf würde Kraft repräsentieren und Macht. Also genau das, was in die Naziideologie passen würde.
Der Autor bedient sich der realen Figuren – wie Goebbels, Eva Braun, Adolf Hitler selbst – und greift blind in die Masse der Menschen hinein, um seine Beispiele für die Funktionsweise der Diktatur aus dem zum Teil blindgewordenen Volk zu suchen. Blind für Menschlichkeit, eigene Gedanken und ein gesundes Miteinander.

Das wirklich Besondere an diesem Roman ist der Protagonist: Harry Freudenthal. Ein untergetauchter Jude, der seine einzige Chance zu überleben darin sieht, diesem Lauf unter dem Namen Paul Renner beizuwohnen. So läuft Harry buchstäblich um sein Leben!
Wir erblicken das Dritte Reich im letzten Aufbäumen vor dem Todesstoß. Wir schauen durch die Augen eines Juden auf all das, was ihn brandmarkte… Wir schauen auf die Entrechtung, auf die Entmenschlichung. Wir treffen auf all das Leid, das dieses Regime über die Menschen brachte. Und auf blinden Gehorsam, selbst noch im Angesicht des Todes…

Peter Keglevic lässt unsere Gedanken beim Lesen zu Hochtouren auflaufen. Denn wenn wir alles, was er schreibt, als wahr annehmen. Wenn wir daran glauben wollen, dass dieser Lauf stattfand… Wenn wir daran glauben, dass Paul Renner alias Harry mitlief… wenn er gewann… wenn er im Führerbunker stand… und wenn er wirklich Hitler Trauzeuge war… Wie liefen die letzten Stunden im Bunker dann wirklich…? Und von wem kam dann der letzte Schuss…? War es Selbstmord…? Oder war es gar Harry…?
Erzählt man uns seit Jahren wirklich die Wahrheit über die Geschehnisse…?